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Einblicke in die Maennerseele - Wut: Angst vor Gefuehlen

Psychotherapeut Björn Süfke erklärt, warum Ärger und Aggression Männern zugestanden werden. Sie aber ansonsten ihre Schwierigkeiten mit der Welt der Emotionen haben

freundin: Sie schreiben in Ihrem Buch, Ärger und Wut seien die männlichsten der Gefühle. Warum ist das so?
Björn Süfke: Weil das die Gefühle sind, die man Männern von Kindheit an zugesteht und die mit Stärke und Aktivität assoziiert werden. Angst, Trauer oder Hilflosigkeit dagegen wird Männern früh abtrainiert, weil sie scheinbar nicht zu ihrer Identität passen. Kein Wunder also, dass Männer besonders „gut in Wut“ sind.

Ärgern sich Männer anders als Frauen?
Erst mal nicht. Sie schimpfen, nörgeln, sind beleidigt, bekommen Wutausbrüche. Allerdings führt Ärger bei Männern häufiger zu Gewalt – physischer, sexueller, verbaler. Sie haben oft nicht gelernt, vernünftig mit ihrem Ärger umzugehen.
 
Was wäre denn „vernünftig“?
Das Gleiche wie bei allen anderen Gefühlen auch: darüber sprechen.
 
Was Männern in der Regel eher schwerfällt. Woher kommt das eigentlich?
Das hat damit zu tun, wie männliche Identität entsteht. Da es kleinen Jungs häufig an männlichen Vorbildern fehlt, müssen sie ihre Persönlichkeit auf andere Weise konstruieren. Das funktioniert immer gleich: Sie sehen, wie Frauen sind, und kommen zwangsweise zu dem Ergebnis: Wenn ich Mann sein will, muss ich anders sein als sie. Also nicht ängstlich, nicht weich, nicht hilflos. Alle schwachen Gefühle werden daher mit der Zeit abgespalten. Darüber zu sprechen, sie überhaupt zu empfinden, gilt als „Weiberkram“.
 
Diese Identitätsentwicklung stellt Mütter von Söhnen, allen voran Alleinerziehende, vor ein ziemliches Dilemma.
So ist es. Und das Tragische ist, sie können wenig dagegen tun. Natürlich können sie ihren Söhnen erlauben, ihre Wut rauszulassen, aber dadurch wird noch lange kein Männerbild geprägt. Der einzige Ausweg wäre: mehr präsente und engagierte Väter und mehr männliche Bezugspersonen, also auch im Kindergarten und in der Grundschule. Allerdings müssten die dann auch wirklich Emotionen vorleben, was wiederum die wenigsten gelernt haben. Ein echter Teufelskreis!
 
Haben Sie Tipps im Umgang mit kindlicher Aggression ?
Aggression ist ja kein Gefühl, sondern ein Verhalten und durchaus akzeptabel, wenn es sich im Rahmen hält. Mädchen etwa könnten ruhig lernen, aggressiver zu sein. Wichtig bei allem aber ist: Grenzen zu kennen, Regeln einzuhalten. Das in Gesprächen immer wieder deutlich zu machen, verpassen viele Eltern.
 
Was sind die häufigsten Auslöser für negative Aggression und Gewalt?
Es steckt grundsätzlich eine Art von seelischer Verletzung, Demütigung oder Erniedrigung dahinter. Diese Verletzung kann eine Sekunde vor dem Wutausbruch passiert sein – oder Jahrzehnte davor. Immer aber hat es der Aggressor nicht gelernt, mit seinen Gefühlen umzugehen, weil er sie ja nicht wahr- und annehmen kann. Daher kann er auch keinen Trost suchen, sondern schlägt lieber um sich und bringt sich aus der für ihn unerträglichen schwachen Position in die des Stärkeren.
 
Spielen Hormone auch eine Rolle?
Natürlich beeinflusst Testosteron männliches Verhalten, allerdings nicht in allzu hohem Maße. Jeder kann lernen, sich zu kontrollieren – theoretisch! Im täglichen Leben ist Gewaltbereitschaft aber leider nicht nur allgegenwärtig, sondern gilt oft auch als vorbildhaft.
 
Wie sollen Frauen auf Wut reagieren?
Körperliche Gewalt darf nicht geduldet werden, da gibt es als Lösung nur: raus aus der Beziehung. Verbale Aggression sollte man resolut zurückweisen, ohne mit Gegenaggression zu antworten. Eröffnet eine Frau den Kampf, muss sie damit rechnen, dass der Mann gewinnt. Immerhin ist er im Kräftemessen bestens erprobt.
 
Aber sie kann doch auch nicht einfach die Waffen strecken …
Sie kann das tun, was ihr am meisten liegt: reden. Aber nicht über ihn und schon gar nicht für ihn. Sondern mit ihm – über sich selbst. Darüber, was sie fühlt, wenn er wütend ist und sie verbal attackiert. Wenn sie es schafft, bei sich zu bleiben, statt Vorwürfe und Anklagen über ihn auszuschütten, kann sie viel dazu beitragen, dass auch er sich öffnet. Ich kann Ihnen versichern: Keinem Mann macht es in seinem tiefsten Inneren wirklich Freude, aggressiv zu sein.
 
Das heißt, Männer leiden unter ihren Wutgefühlen? Aber dann könnten sie doch auch etwas dagegen tun?
Natürlich, wenn wir voraussetzen, dass sie den Leidensdruck auch zugeben können. Das kommt, wie gesagt, aber eher selten vor, und wenn, brennt es meistens schon an allen Ecken. Im Grunde bräuchten wir so etwas wie eine Männerbewegung.
 
Warum gibt es die nicht?
Aus einem einfachen Grund: Frauen hatten, als sie für ihre Rechte auf die Straße gingen, etwas zu gewinnen: Gleichberechtigung, Besserstellung. Was Männer gewinnen könnten, wenn sie sich emanzipieren wollten, wäre „nur“ etwas für ihr Innenleben: eine bessere Partnerschaft, mehr Kontakt zu den Kindern, Zugang zu den eigenen Gefühlen. Sie realisieren aber gar nicht, dass ihnen das fehlt.
 
Was machen Frauen falsch im Umgang mit Männern und deren Gefühlen?
Wie ich von meinen Klienten höre, sind weibliche „Überfälle“ am schlimmsten. Also inquisitorische Fragen „Wie geht es dir?“, „Was denkst du gerade?“, „Wie fühlst du dich?“. Damit sind viele Männer überfordert, auch, weil sie sich diese Art von Fragen nicht selbst stellen und folglich die Antwort gar nicht wissen. Sie können auch nicht ohne Weiteres von ihrer von Sicherheit und Struktur geprägten Vernunftebene auf die unsichere, abstrakte Gefühlsebene umschalten.
 
Wie kommen wir zusammen?
Erwarten Sie nicht, dass ein Mann genauso funktioniert wie Sie selbst oder dass er über die Gabe verfügt, Ihnen Ihre Wünsche von den Augen abzulesen. Nutzen Sie stattdessen seine Stärke, die darin liegt, zu handeln. Geben Sie ihm ein Problem vor und lassen Sie ihn eine Lösung dafür finden. Und wenn Sie etwas kritisieren möchten, tun Sie es augenzwinkernd. Die meisten Männer kriegt man über Humor.
 
Buchtipp: Spannende Expedition in die Gefühlswelt: „Männerseelen“
von Björn Süfke, Patmos-Verlag
Interview: Gaby Ullmann (11.03.2008)
Quelle: freundin/ http://www.freundin.de/Artikel/Wut-Angst-vor-Gefuehlen_219626.html
Weiterf�hrende Informationen:
Freundin-Online-Artikel