NEWSLETTER ABONNIEREN

Familien im Wandel - Das Leben mit Kindern in Parallelwelten

Auch gesellschaftliche Ideale können enormen Druck bei den Betroffenen erzeugen und kontraproduktiv wirken. Der gute Ruf nach dem Ideal, wie betroffene Eltern handeln sollten, ist völlig nutzlos, ohne ihnen dabei konkrete Hilfestellungen zu leisten.

Neben der traditionellen Familienform als „Vater-Mutter-Kind-Modell“ existiert eine Vielfalt an Parallelwelten: abgesehen von Pflegefamilien und Adoptivfamilien, Alleinerziehende, Besuchselternteile und Patchworkfamilien.
Vor allem die Zahl der Alleinerziehenden und Patchworkfamilien nehmen ständig zu.
Daraus ergeben sich sehr unterschiedliche Lebensbedingungen und erzeugen oftmals bei Außenstehenden viel Unverständnis und Missverständnisse, die nicht sein müssten, wenn es möglich ist, über den eigenen Tellerrand zu blicken. Ein indianisches Sprichwort besagt: „Urteile nie über einen anderen Menschen, bevor du nicht 1000 Meilen in seinen Mokassins gegangen bist“. Aus meiner Sicht, sind selbst 1000 Meilen noch viel zu wenig!

Insbesondere alleinerziehende Mütter kämpfen im Alltag - selbst im 21. Jahrhundert - noch mit vielen Vorurteilen, dass ihre Kinder aufgrund der Notwendigkeit voll erwerbstätig zu sein, um für das Überleben zu sorgen, zu kurz kommen würden oder dass jede Verhaltensänderung der Kinder auf diese jeweiligen Situation zurückzuführen sei. Aus meiner Beratungspraxis kenne ich viele Fälle, in denen vor allem Außenstehende dieser Versuchung unterliegen, da sie keinen oder nur wenig Zugang zu dieser Parallelwelt haben.
 
Es ist eine Tatsache, dass vor allem alleinerziehende Mütter in hohem Maß gefordert sind Beruf & Familie unter einen Hut zu bekommen, was nicht selten zu Überforderungen führt. Dabei ist anzumerken, dass es auch viele „alleinerziehende, verheiratete Mütter“ gibt! Es macht aber einen gravierenden Unterschied, ob man als Elternteil hauptverantwortlich für den Lebensunterhalt, die Kindererziehung und Kinderbetreuung ist!
 
In der Regel wird vonseiten der Kindergärten und der Schulen an Alleinerziehende das gleiche Maß an Engagement vorausgesetzt, ohne dass diese spezielle Lebensform berücksichtigt wird. Gerade jene, die am meisten Unterstützung bräuchten, haben die wenigsten Ressourcen wie z.B: in Elternvereinen ihre Interessen zu vertreten! Wer seine Meinung vor Ort nicht lautstark kundtut, wird dementsprechend überhört. Fälschlicherweise wird daher davon ausgegangen, dass es auch keinen Bedarf zur Unterstützung geben würde!
 
Die meisten Vorurteile geschehen in den seltensten Fällen mit böser Absicht, sondern entspringt aus der Unkenntnis dieser speziellen Lebenssituation, die eine besondere Belastung darstellt. Alleinerziehende sind keine bemitleidenswerten Wesen und deren Kinder auch keine armen Geschöpfe, sondern leben in einem herausfordernden Alltag, aus dem die Betroffenen versuchen das Beste zu machen. Dies erfordert jedoch ein hohes Maß an Management- & Konfliktbewältigungspotenzial, das erlernt werden kann Es ist erwiesen, dass gerade Kinder von Alleinerziehenden besonders selbstständig sind und gelernt haben, dass man verändernde Lebenssituationen auch meistern kann!

Verhaltensauffälligkeiten dieser Kinder sind nicht in erster Linie das Resultat der Scheidung oder Trennung, sondern sind meistens auf die vorangegangene spannungsgeladene Familiensituation zurückzuführen, während die Eltern noch beisammen waren.
Ich halte kein Plädoyer für die Scheidung , sondern möchte dem allgemeinen Vorurteil entgegenwirken, dass die Trennung die Ursache aller Probleme darstellen würde.

Eine afrikanische Weisheit besagt: "Um ein Kind aufzuziehen bedarf es eines ganzen Dorfes!"
 
Kinder alleine zu erziehen ist eine enorme Leistung, die von der Gesellschaft & Politik gewürdigt werden sollte und ist aufgefordert dementsprechende Unterstützungsangebote zu bieten. Verständnis und Entgegenkommen aufzubringen ist vielleicht ein unbequemer aber wesentlich konstruktiverer Weg, als ohnehin belasteten AlleinerzieherInnen insbesondere in konservativen Kreisen mit Vorurteilen zu begegnen und sie mit subtilen Schuldzuweisungen zusätzlich zu belasten.

Es gilt, sich nicht nostalgisch an herkömmlichen Familienidealen zu orientieren, sondern diese gesellschaftlichen und familiären Veränderungsprozesse als Tatsache zur Kenntnis zu nehmen bei der auch Außenstehende ihren Teil dazu beitragen können, damit Betroffene das Beste daraus machen können. Mein Appell: „Nicht zu richten, sondern aufzurichten!“
---------------------------------------------------------------------------
 
Margit Picher, alleinerziehende Mutter, Sozial-und Berufpädagogin, GF Obfrau des Patchwork-Familien-Service- Verein für Elternteile & Familien im Wandel & Inhaberin der KARRIERE-WERKSTATT für Beruf & Familie in Graz, Buchautorin und Woman Award 2006-Preisträgerin – 1. Platz in der Kategorie „Beruf & Familie.