NEWSLETTER ABONNIEREN

Obdachlosigkeit als Symptom der sozialen Kaelte?

Da gibt es noch viel zutun! Alle können einen Beitrag leisten: Bürger & Bürgerinnen, NGO`s, Medien, Politik und Unternehmen! Obdachlosigkeit ist u.a. auch eine Folgewirkung von Trennungen und Scheidungen.

Unlängst sah ich als aktive Social-Media-Netzwerkerin auf Facebook einen Aufruf der Initiative: „Bitte ÖBB! Laßt bei dieser Kälte über Nacht die Bahnhöfe offen, ob jemand Pressekontakte hätte? Ich habe nicht lang überlegt und sofort den Beschreibungstext als Pressetext aufbereitet und an die APA und unseren Presseverteiler versendet. Erfreulicherweise hat die APA schnell reagiert und eine Aussendung gemacht. Dementsprechend groß war die Pressewelle, die dadurch entstanden ist. Die Facebook-Gruppe erreichte bereits mehr als 5600 UnterstützerInnen, fast alle Printmedien haben bundesweit berichtet, ob in der Print oder Online-Ausgabe.

Die ÖBB hat schnell reagiert und kundgetan, dass die Securities an allen Bahnhöfen angehalten sind, obdachlose Menschen aufgrund der eisigen Kälte nicht wegzuschicken, sondern in den Räumlichkeiten aufwärmen zu lassen. Weiters hat sich die ÖBB bereit erklärt, einige Zusatzquartiere zu organisieren, sobald die vorhandenen Obdachlosenorganisationen überlastet sind. Wahrlich ein großer Erfolg für diese Initiative! Dass obdachlose Menschen an den Bahnhöfen nicht abgewiesen werden, sondern sich aufwärmen können, war eine schnelle Erstlösung. Es ist herzerwärmend zu erleben, wie bemüht alle Beteiligten sind, um eine gute Lösung für Obdachlose bei diesen Minusgraden zu finden.

Wichtig ist es auch, die Obdachloseninitiativen zu unterstützen, aber nicht nur parteipolitisch geförderte große Vereine, sondern auch kleine überparteiliche Initiativen, die oftmals hart ums Überleben kämpfen, um ihre Hilfsangebote aufrechterhalten zu können! Es sollte allerdings auch die zuständige Politik alarmiert sein, um langfristige Konzepte zur Armutsbekämpfung umzusetzen, und das Problem bei der Wurzel zu packen. Das Problem existiert ja nicht erst seit gestern! Mit der Umsetzung des BGE (Bedingungslosen Grundeinkommens) würde es keine Armut mehr geben!

Zusammenbruch von partnerschaftlichen Beziehungen

Als Ehe-und Familienberaterin weiß ich, dass Obdachlosigkeit oftmals durch Verlust einer Mietwohnung bzw. einer mit dem Arbeitsplatz verbundenen Unterkunft entsteht, gefolgt vom Umstand, dass Eltern, Verwandte oder Freunde nicht fähig oder willens sind, Unterkunft zu gewähren. Ein weiterer Grund ist der Arbeitsplatzverlust und oftmals der Zusammenbruch einer partnerschaftlichen Beziehung. Diesen Gestrandeten fehlt es nicht alleine an Einkommen, sondern auch an Selbstvertrauen, das ihnen abhanden gekommen ist. Aber auch Erkrankungen und Naturkatastrophen wie Erdbeben und Überschwemmungen führen uns heute schmerzlich  vor Augen, dass kaum jemand vor temporärer Obdachlosigkeit gefeit ist!! 

Steirischer unsozialer Kahlschlag schlägt in die schmerzhafte Kerbe

Obdachlosigkeit ist ein Symptom unserer Gesellschaft. Wer dies ignoriert, riskiert damit die große Chance, präventive Maßnahmen zu setzen, um gegenzusteuern. Stattdessen geschieht genau das Gegenteil: In der Steiermark kürzt die Regierung im Sozialbereich:

Ersatzlose Streichung von Leistungen und existenzbedrohende Kürzungen der Mittel für Menschen mit Behinderung, Einführung von Kindergartengebühren, Ersatzlose Streichung von Leistungen und existenzbedrohende Kürzungen der Mittel in der Kinder- und Jugendarbeit und Jugendwohlfahrt,  Existenzbedrohende Kürzungen bei zahlreichen Sozial- und Kulturinitiativen, Wiedereinführung der Rückzahlungspflicht (Regress) für Angehörige bei Pflegekosten, Einführung des Regresses für Angehörige von Empfängern & empfängerinnen der Mindestsicherung, Massive Verschlechterung bei der Mindestsicherung gegenüber der Sozialhilfe, Verschlechterungen bei der Wohnbeihilfe.

Wirtschaftskrisen und instabile Familiensysteme

Das Argument von manchen Politikern & Politikerinnen, dass der Sozialbereich explodiert sei, um als Rechtfertigung für diesen unsozialen Kahlschlag heranzuziehen, zeigt wie wenig Kenntnis über Wechselwirkungen von Wirtschaftskrisen und psychische Labilitäten als Folgewirkungen insbesondere in instabilen Familiensystemen vorhanden sind.

Wenn mit immer weniger Ressourcen immer mehr geleistet werden soll, ist es eine logische Konsequenz, dass dementsprechend der Bedarf an Unterstützungssystemen steigt.

Sparen, wo es sinnvoll ist?

Es ist gut und wichtig, dass in der Steiermark Reformen angegangen werden. Auch dass aus „Streithähnen“ nun bei den beiden SPÖVP-Landesregierenden  "Voves und Schützenhöfer" partnerschaftliches Miteinander möglich wurde.

Wenn dies nun allerdings gemeinsam auf Kosten von armutsgefährdeten Familien geschieht und dadurch Armutsgefährdung weiterhin forciert wird, dann fehlt jede Legitimation für diese Vorgangsweise. Die Endstation Obdachlosigkeit sollte ein Mahnmal für diese verantwortungslose "Kürzungspolitik" sein. Und zwar nicht nur in Zeiten mit  lebensbedrohlichen Minusgraden.

Auch unserem „Patchworkverein“ wurde die komplette Förderung von Familienlandesrätin Elisabeth Grossmann (SPÖ), von Landeshauptmann Franz Voves (SPÖ)  als auch von der Frauen-und Sozialstadträtin Martina Schröck (SPÖ) ersatzlos gestrichen!! Als Konsequenz hätten wir unseren Verein zusperren müssen! Das lässt anscheinend unsere Politiker & Politikerinnen völlig unberührt. Auch der Landeshauptmann ließ uns trotz Petitionseinreichung und Veröffentlichung eines "Offenen Briefes" im Regen stehen. (Siehe die aussagekräftige Grafik) Diese Prioritäten sind "sozial"-demokratisch?

Dass es bei Kürzungen einer werteorientierten Prioritätensetzung bedarf, um verantwortbare Einsparungen zu setzen, wird ignoriert, um den einfacheren Weg, mit dem  „Wir müssen alle sparen-Credo" fortzusetzen und sich kritikresistent für Einwände zu wappnen, auch wenn sie noch so bedeutsam sind. Vor dieser äußerst fragwürdigen Kürzungspropaganda im Sozialbereich, die als bundesweites "Erfolgsmodell" verkauft wird, kann ich nur warnen. Wer keine Verantwortung für die Auswirkungen übernimmt, fühlt sich auch für die Folgewirkungen nicht zuständig. Unterdessen tanzen die Landesfürsten & fürstinnen auf der Opernredoute und Bundespolitiker & politikerinnen auf feudalen Festivitäten und  lassen es sich gut gehen. Das ist keine Polemik, sondern traurige Realität!  

Das dramatische Symptom der Obdachlosigkeit wirft wichtige Fragen auf

Es wirft die Frage auf: „Wie kann jenen obdachlosen Menschen geholfen werden, die sich aufgrund ihrer tragischen Lebensgeschichten nicht an Hilfsorganisationen wenden und lieber den Kältetod in Kauf nehmen, als sich einer Gruppe anzuschließen? Das ist für viele von uns unvorstellbar. Hilfsorganisationen leisten tagtäglich großartige Arbeit! Streetworker sind bemüht, diese an ihren einsamen Orten aufzusuchen und sie mit dem Nötigsten zu versorgen. Alle können trotzdem mit diesen Hilfsangeboten nie erreicht werden, weil es immer welche geben wird, die keine Hilfe mehr annehmen können. Um so wichtiger wäre es, die Bahnhöfe wieder zur Gänze zu öffnen.

Es wirft die Frage auf: „Was kann jede/r Einzelne tun?"

Da gibt es noch viel zutun! Alle können einen Beitrag leisten: Bürger & Bürgerinnen, NGO`s, Medien, Politik und Unternehmen! Mir ist das Thema ein großes Anliegen, denn Obdachlosigkeit ist letztendlich u.a. auch eine Folgewirkung von zerrütteten Familiensystemen.

Wichtig wäre es auch die Bevölkerung aktiv aufzurufen, um wachsam zu sein und Obdachlose direkt anzusprechen, dass diese sich bei dieser klirrenden Kälte an die Bahnhöfe, Rettung oder die Obdachlosenorganisationen wenden können. Bei meinen Recherchen war ich mehr als erstaunt, dass es bisher keine bundesweite Liste gab, um unbürokratisch zu helfen. Daher habe ich eine BUNDESWEITE Telefonliste mit Notschlafstellen erstellt, die ausgedruckt werden kann, um schnell Ersthilfe leisten zu können. (Siehe nebenstehenden Link).

Verändert kann nur werden, was sichtbar gemacht wird 

Vor nicht all zu langer Zeit wurde aus dem Familienbericht die aufgezeigte Kinderarmut in Österreich von der damaligen Familienstaatssekretärin rausgestrichen. Die Armutskonferenz hat damals berichtet.  Politik ist keine Einbahnstraße, sondern hat die Aufgabe Lebensrealitäten den Bedürfnissen der Bürger & Bürgerinnen entsprechend zu gestalten. Es geht nicht darum – wie in Krisen oftmals auf dieses archaische Muster zurückgegriffen wird - Feindbilder zu schaffen und Sündenböcke zu finden, sondern abgesehen von dieser großartigen Erstehilfe-Facebook-Initiative JETZT zu handeln. Das gilt nicht nur für die Zivilbevölkerung, sondern auch für die zuständige Politik!

Ich bin trotz dieser politischen unverantwortlichen "Kürzungspolitik" optimistisch und gehe davon aus, dass diese Krise nicht nur Gefahren hat, sondern die große Chance in sich birgt, dass menschliche Werte wieder in den Mittelpunkt rücken. Vorausgesetzt, wir nehmen diese Chance aktiv wahr. Ob Bürger & Bürgerinnen, NGO`s, Politik, Medien und  Unternehmen .

Dazu ist es wichtig, Armut nicht schönzureden, sondern erstmal zur Kenntnis zu nehmen und präventiv tätige Hilfsorganisationen wie auch unsere Angebote für Trennungseltern zu unterstützen. Denn: „Verändert kann nur werden, was auch sichtbar gemacht wird!“

Update: Inzwischen wurde dieses auf Facebook gestartete Projekt von der Caritas übernommen:

https://www.facebook.com/pages/Bitte-%C3%96BB-La%C3%9Ft-bei-dieser-K%C3%A4lte-%C3%BCber-Nacht-die-Bahnh%C3%B6fe-offen/314474471936942?sk=photos_stream&ref=page_internalUpate:

© Margit Picher, Sozial-und Berufspädagogin, Ehe-und Familienberaterin, Buchautorin, GF Obfrau des Patchwork-Familien-Service – Verein für Elternteile und Familien im Wandel