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Was heisst schon Idealfamilie?

Huerden und Chancen neuer Familienformen in unserer Gesellschaft

Was bleibt, ist die Veraenderung
Was sich veraendert, bleibt. (Michael Richter)

Auf meine Frage was eine Alleinerzieherin sei, meinte mein damals 7 jähriger Sohn: „Das ist eine Frau ohne Chef!“ ;-)

Mittlerweile wird jede 2. Ehe geschieden. Daher gibt es immer mehr Alleinerziehende, Besuchselternteile und Patchworkfamilien. Es gibt sehr unterschiedliche Ursachen dafür. Vorallem auf der Kommunikationsebene gäbe es viel Veränderungspotenzial!

Was ist eine Patchworkfamilie?

Viele Menschen leben bereits als Alleinerziehende, Besuchselternteil oder in einer Patchworkfamilie, nicht selten ohne es selbst zu wissen.
Patchworkfamilie ist ein moderner Begriff für die Stieffamilie, die einfach von der Namensgebung – denken wir z.B. an die „böse Stiefmutter“ in Märchen - noch negativ besetzt ist. Unsere Definition der Patchworkfamilie aus psychologischer Sicht: mind. eine Person bringt ein oder mehrere Kinder in die neue Beziehung mit hinein. Es setzt nicht voraus, dass beide Partner Kinder haben, auch nicht, dass sie miteinander Kinder haben und auch nicht dass man wieder verheiratet ist.

Wer nur den Verfall der Familie propagiert, hat nicht erkannt, dass Wandel und Entwicklung nicht mit Verfall gleichzusetzen ist. Nicht die Familien generell sind vom Aussterben bedroht, sondern die traditionellen Familienmodelle.
Den Wandel der Familienmodelle als Ursache für die sinkende Geburtenrate zu betrachten wäre zu kurzsichtig. In dem Maße wie sich die Gesellschaft wandelt und entwickelt, wird sich immer auch Familie wandeln müssen. Wir können nicht im Ernst erwarten, dass Familie eine uneinnehmbare Festung bleibt, während rundherum die Schranken fallen. Eine solche Festigkeit ist systemisch betrachtet nicht nur unmöglich, sondern wäre unlebendig und schädigend. Halten wir fest: Familie ist mehr als die sogenannte Kernfamilie mit Vater, Mutter und Kind.
Und genauso wenig wie es die eine Ursache für Probleme gibt so gibt es genauso wenig die einzige Lösung als Patentrezept.

Gesellschaftlicher Wandel

Es stehen immer mehr überlastete Elternteile, insbesondere Alleinerziehende, Besuchselternteile und Patchworkfamilien aufgrund ihrer vielfältigen Rollen & Familienzusammensetzungen besonders großen Herausforderungen in der Alltagsbewältigung gegenüber. Obwohl man bereits einiges über die Dynamik in Stieffamilien weiß und erforscht hat, welche Hürden und Chancen typischerweise auftreten, weiß man nicht wirklich genau , wie viele Stieffamilien es in Österreich eigentlich gibt und welche Menschen in ihnen jeweils zusammenleben.
Aber eines weiß man gewiss: In den letzten Jahrzehnten hat sich die Zahl der Patchworkfamilien stark erhöht. Sie brauchen sich nur in ihrem unmittelbaren Umfeld umschauen und werde feststellen, dass diese Familienform mittlerweile eine gängige ist.
Es fehlt jedoch noch an Mustern, wie diese Rollen und Aufgaben von den Beteiligten ausgefüllt und gestaltet werden können.
Der Gesellschaftliche Wandel und die Entwicklung neuer familiärer Konstellationen macht es notwendig sich mit diesen speziellen gesellschaftlichen Entwicklungen und neuen Familienformen auseinander zusetzen und Möglichkeiten zu finden diese neuen Herausforderungen positiv zu gestalten.
Eine aufgeklärte Gesellschaft sollte für neue Ideen, für Experimente und für den Wandel offen sein. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Wandel offensichtlich unaufhaltsam ist. Viele geistige und kulturelle Neuerungen unserer Zeit zielen vor allem darauf, Wandel einzudämmen. Ein derartiges geistiges Klima führt notwendigerweise zu einer ängstlichen Ablehnung jeglichen Fortschritts und zu der Unfähigkeit, ihn positiv zu gestalten. Hierfür ist das Patchwork-Familien-Service und sind andere Projekte von Bedeutung gegensteuernd Abhilfe zu schaffen.

Erkenntnisse der Scheidungsforschung

Die Trennung der Eltern ist nicht nur für das sich trennende Paar, sondern vor allem für die Kinder sehr schmerzhaft und ist als Krise zu sehen. Krisen sind aber bewältigbar. Wichtig ist jedoch darauf hinzuweisen, dass die langfristigen Auswirkungen von Scheidung und Trennung bei weitem nicht so dramatisch sind, wie sie oftmals dargestellt werden.
Laut Langzeitstudien der beiden führenden amerikanischen Experten für Scheidungsforschung Mavis Hetherington und Paul Amato geht es etwa 80% der daran beteiligten Kinder und Jugendlichen ca. zwei Jahre nach der Trennung der Familie gesundheitlich und seelisch gut. Etwa 20 % neigen weiterhin zu Verhaltensproblemen. Wobei darauf hinzuweisen ist, dass auch in sogenannten „intakten“ Familien auch bis 20% der Kinder behandlungsbedürftige Verhaltensprobleme aufweisen. Amato weist auf der Basis langjähriger Untersuchungen immer wieder darauf hin, dass im Großen und Ganzen sich Kinder und Jugendliche aus Scheidungsfamilien und nicht getrennten Familien sehr viel mehr ähneln, als dass sie sich unterscheiden!

Krise als Chance

Das von der Presse häufig verbreitete Gruselbild von scheidungsgeschädigten Kindern und Jugendlichen, sie noch Jahre nach der Trennung ihrer Eltern durch die Last dieser Erfahrung bedrückt durchs Leben gehen und zu potentiellen drogengefährdeten und kriminellen Erwachsenen werden ist aus Sicht der Forschung Unsinn. Langzeitfolgen von Scheidungen lassen sich in dieser Form nicht nachweisen. Vielmehr sind die damit scheinbar verbundenen langfristigen Verhaltensauffälligkeiten häufig ein Resultat der chronisch gestörten Paarbeziehung vor der Trennung der Eltern. Es ist anzunehmen, dass viele dieser Verhaltensauffälligkeiten nicht aufgetreten wären, wenn frühzeitig professionelle Hilfe in Anspruch genommen worden wäre oder sich die Eltern schon früher getrennt hätten.
Dies soll kein Bagatellisieren von Problemfällen und kein Plädoyer für die Scheidung sein, aber manchmal ist die Lösung eben die Lösung und es wird zu wenig darauf hingewiesen, dass viele Kinder und Jugendliche nach der Verarbeitung der Trennungsphase im Vergleich zu ihren Altersgenossen über eine größere psychische Reife und Stabilität verfügen, denn sie haben die Erfahrung gemacht, einen schmerzlichen Verlust verkraftet und verarbeitet zu haben.

Vielfältige Familienformen

Aus psychologischer Sicht ist es unzureichend, diese Trends nur in Zahlen auszudrücken. Es ist interessanter, die Qualität des Familienlebens in den sich entwickelnden vielfältigen Familienformen zu erkennen, z.B. Ein-Eltern-Familie, Kleinfamilie, Patchwork-Familie um nur einige zu nennen. Wobei neu an der Patchworkfamilie viel mehr nur ihre Bezeichnung ist.
Stieffamilien gibt es schon sehr lange. Vor der Erfindung des Antibiotikums gab es viele Ein-Eltern-Familien die sich zu Stieffamilien formiert haben.
Kommunikationsfähigkeit, Offenheit und Toleranz, Respekt und Geduld sind überaus hilfreiche Fähigkeiten, die Stolpersteine in Stieffamilien nicht nur überwinden, sondern zu Startblöcken werden lassen für den Sprung in eine Familie eigener Art. Die neuen Familienformen, die aus Krisen entwachsen sind und um die zumindest die Erwachsenen gekämpft haben, bieten tatsächlich auch die Möglichkeit, offener zu sein, behutsamer und partnerschaftlicher zu leben als in der traditionellen Familie. Sie können bunter und lebendiger sein, vor allem wenn die Partnerschaften intensiver sind und die Konflikte ernsthafter bearbeitet werden.

Langsam wochs ma z`samm

Eine „normale“ Familie wächst langsam zusammen – eine Patchwork-Familie ist man von einem Tag auf den anderen: Der Junggeselle finden sich plötzlich als „Vater“ von Schulkindern wieder, die Mutter zweier Kinder muss nun derer vier bändigen, die neue Partnerin, einst eingefleischter Single, wird am Wochenende womöglich mit den Kindern ihres Freundes und der Ex-Partnerin konfrontiert. Das birgt natürlich Zündstoff. Wer sich also von dem Anspruch verabschiedet, dass alles von Anfang an wie am Schnürchen laufen muss, hat schon den ersten Schritt zur harmonischen Patchwork-Familie getan. Dementsprechend wichtig ist es sich vor allem als Patchworkfamilie auf der Paarebene Zeitinseln zu schaffen und sollte sich den Reffrain „Langsam wochs ma z`samm “ von Wolfgang Ambros besonders beherzigen! Daher ist Geduld eine der wichtigsten Tugenden, die es zu entwickeln gilt, wenn man sich zu einer Patchworkfamilie entwickelt.

Ein EU-Vergleich

Was Alleinerziehende, Besuchsväter und Patchworkfamilien vor allem brauchen sind individuelle Lösungsmöglichkeiten, ist eine tolerante Gesellschaft, eine Politik, die Lebensrealitäten zur Kenntnis nimmt , keine ideologischen Lebensformen vorgibt, sondern vielfältige Rahmenbedingungen schafft, eine frauen-und familienfreundliche Arbeitswelt, genügend flächendeckende qualitative Kinderbetreuungsmöglichkeiten und ein Schulsystem das den Bedürfnissen der Kinder und der Flexibilisierung der Arbeitsrealitäten von Eltern gerecht wird. Insbesondere die schulautonomen Tage und Ferienzeiten müssen noch mit adäquaten leistbaren Kinderbetreuungsangeboten abgedeckt werden! Kurzum da gibt es noch viel zu tun. Das sind die Hürden mit denen Betroffene selbst im 21.Jhdt. noch zu kämpfen haben.
Keine Frau will als Gebärmaschine und kein Mann als Geldbeschaffungsmaschine degradiert werden und doch ist es interessant zur Kenntnis zu nehmen, dass in jenen Ländern - da spreche ich von den skandinavischen Ländern und von Frankreich in denen die Geburtenraten dementsprechend ansteigen, weil sie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in jeder Hinsicht fördern und keine Mutter als Rabenmutter gilt, wenn die Kinder auch außerhäuslich betreut werden. Das ist nichts neues: Besonders spannend finde ich jedoch, dass auch das Wohlbefinden der Kinder befragt wurde und da kam man zu dem Ergebnis dass
auch da Skandinavien die Nase vorne hat. Österreich liegt an 18. Stelle! Das sollte uns zu denken geben! Denn Angst wegen unsicherer Zukunftsaussichten führt natürlich auch zu niedrigen Geburtenraten.

Hürden und Chancen

Nur jene machen keine Erziehungsfehler, die keine Kinder haben!;-)
Der Anspruch an Eltern, insbesondere Alleinerziehene und Patchworkfamilien ist sehr groß und führt bei vielen zu Überforderungen. Das beste Ideal ist völlig zwecklos, wenn keine dementsprechenden Hilfsangebote geboten werden. Ideale können auch sehr kontraproduktiv wirken. Eltern werden ist nicht schwer, Eltern sein dagegen sehr! Ob Erziehungsratgeber, div. Beratungen, Medien oder seitens der Schulen werden permanente Vorwurfshaltungen Eltern gegenüber laut, was man nicht alles falsch machen und viel besser machen müsse. Tatsache ist: Jede und jeder handelt im Rahmen seiner Möglichkeiten.
Es gibt kein Patentrezept, denn jedes Familiensystem ist ganz individuell zu betrachten und benötigt dementsprechend individuelle Lösungsansätze. Daher können spezielle Beratungen hilfreich sein um neue Sichtweisen und Lösungswege zu erarbeiten.

Die Chancen von Patchworkfamilien liegen klar auf der Hand:
Vielfalt zu leben, die nicht mit Beliebigkeit zu verwechseln ist, die Entwicklung von Konfliktfähigkeit und mehr Toleranz, Personale Kompetenzen zu entwickeln die in neuen Familienformen mehr gefordert sind ist eine große Chance nicht nur für alle unmittelbar Beteiligten,
sondern auch für unsere Gesellschaft.
„Worauf wir unsere Aufmerksamkeit lenken, dort entwickeln wir uns hin.“ Daher mein Appell: Richten wir unsere Aufmerksamkeit nicht nur auf die Hürden, sondern auch auf die Chancen. Haben wir Mut zur Familie – egal in welcher Form!

Von: Margit Picher, alleinziehende Mutter von 1 Sohn, selbst in einer Patchworkfamilie aufgewachsen, Sozial-und Berufspädagogin. Staatl. anerkannte Ehe-und Familienberaterin, konz. Lebens-und Sozialberaterin, Obfrau des PATCHWORK-FAMILIEN-SERVICE- Verein für Elternteile & Familien im Wandel in Graz, selbstständige Trainerin, Woman-Award Gewinnerin 2006 1.Platz in der Kategorie Beruf & Familie, Sachbuchautorin

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